Ratgeber · Farbe
Die Gesetze der Farbe.
Warum manches flimmert und anderes sitzt.
Farbe ist das Erste, was man sieht, und das Letzte, was man erklären kann. Dabei folgt sie Regeln, die seit Goethe und Itten beschrieben sind und sich bis heute bewähren. Hier sind die sechs, die im Alltag den Unterschied machen: wie Farben zusammenpassen, warum Rot auf Grün wehtut, wie viel Farbe ein Entwurf verträgt, und warum der Druck nie so leuchtet wie der Bildschirm.
Ich arbeite mit
Du siehst die Griffe für Canva, Word und PowerPoint.
Gesetz 1
Der Farbkreis: Farben passen nach Regeln, nicht nach Gefühl
Die Regel
Ordnet man die Farben im Kreis an (Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett), ergeben sich die verlässlichen Kombinationen von selbst: Nachbarn im Kreis wirken ruhig und harmonisch (Blau, Blaugrün, Grün). Gegenüberliegende Farben wirken kräftig und spannungsreich (Blau und Orange). Drei gleichmäßig verteilte Farben wirken lebendig, aber ausgewogen. Eine Farbe mit Weiß, Grau und Schwarz wirkt edel und ist fast nie falsch.
Der Fehler, den man ständig sieht
Farben, die einzeln gefallen, zusammengewürfelt: ein Rot vom Logo, ein Blau vom Foto, ein Grün „weil es frisch wirkt“, dazu Gelb für die Überschrift. Vier Farben aus verschiedenen Ecken des Kreises, keine davon dominant, und das Auge findet keinen Halt. Oder zwei Farben, die fast gleich sind, aber nicht ganz: Das wirkt wie ein Versehen.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Von der Hauptfarbe ausgehen, meist die Logofarbe. Dazu eine zweite Farbe nach einer der drei Regeln: Nachbar, Gegenüber oder Grau.
- Canva: Unter „Farbe“ zeigt die Farbpalette eines Fotos oder der Marke passende Töne; „Farbkombinationen“ liefert fertige Paare. PowerPoint: Entwurf → Varianten → Farben, die vorgegebenen Sätze sind abgestimmt.
- Wenn dir zwei Farben zu laut sind: eine davon abdunkeln oder aufhellen, nicht eine dritte dazunehmen.
- Farben aus einem guten Foto übernehmen: Ein Foto, das stimmig wirkt, enthält schon eine funktionierende Palette.
So machst du es richtig · Profi
- Palette im Farbkreis-Werkzeug ableiten (Illustrator: Farbhilfe, Komplementär, Analog, Triade), dann im HSB-Modus die Sättigung angleichen. Harmonische Paletten haben meist ähnliche Sättigung bei unterschiedlichem Farbton.
- Jede Farbe als globales Farbfeld anlegen, mit Abstufungen (100, 70, 40, 15 Prozent) als eigene Felder. So bleibt die Palette über alle Dateien gleich.
- Höchstens drei Buntfarben plus Neutrale. Was darüber hinausgeht, braucht eine Systematik (Leitsystem, Kategorien), sonst zerfällt es.
- Farbwirkung ist gelernt, nicht Naturgesetz: Rot „warnt“ in Europa, bedeutet in China Glück. Bei Zielgruppen außerhalb des eigenen Kulturkreises vorher prüfen.
Gesetz 2
Hell und Dunkel trägt alles, nicht Bunt und Bunt
Die Regel
Von den sieben Farbkontrasten, die Johannes Itten beschrieben hat, ist der Hell-Dunkel-Kontrast der wichtigste: Ob etwas lesbar ist, entscheidet der Helligkeitsunterschied, nicht der Farbunterschied. Ein mittleres Blau auf einem mittleren Rot ist unlesbar, obwohl die Farben verschieden sind. Dunkelblau auf Hellgelb ist lesbar, obwohl beide Farben „laut“ sind. Probe: Entwurf in Graustufen ansehen. Was dann verschwindet, war nie ein Kontrast.
Der Fehler, den man ständig sieht
Rote Schrift auf grünem Grund, gelb auf weiß, hellblau auf hellgrau. Komplementärfarben in gleicher Helligkeit nebeneinander, die an der Kante zu flimmern beginnen (Simultankontrast). Oder Text auf einem Foto, das an einer Stelle hell und an der anderen dunkel ist, sodass die Hälfte der Buchstaben verschwindet.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Text immer deutlich heller oder deutlich dunkler als der Grund. Im Zweifel Schwarz oder Weiß, keine zweite Buntfarbe.
- Graustufen-Probe: Bildschirmfoto machen und in der Fotos-App die Sättigung auf null ziehen, oder einfach in Schwarzweiß drucken.
- Text auf Fotos: dunkle, ruhige Fläche im Foto suchen, oder ein halbtransparentes dunkles Rechteck hinter den Text legen (Canva: Element → Rechteck, Transparenz etwa 60 Prozent).
- Komplementärfarben nie Kante an Kante in gleicher Helligkeit. Eine der beiden abdunkeln, oder Weiß dazwischen.
So machst du es richtig · Profi
- Palette im Lab- oder HSB-Modus auf Helligkeitswerte prüfen: Zwischen Text- und Grundfarbe sollten mindestens 40 bis 50 Prozent Helligkeit liegen.
- Photoshop: Ebene „Schwarzweiß“ oder Proof-Einstellung Graustufen als festen Prüfschritt.
- Bei Verläufen und Fotos als Hintergrund eine Abdunklungsebene oder einen Verlauf zu Schwarz einplanen, der den Text sicher trägt.
- Die übrigen Itten-Kontraste bewusst einsetzen: Kalt-Warm für Tiefe, Quantität für Hierarchie, Qualität (satt gegen gebrochen) für Ruhe.
Gesetz 3
60-30-10: Wie viel Farbe ein Entwurf verträgt
Die Regel
Etwa 60 Prozent der Fläche bekommt die Grundfarbe (oft Weiß, Hellgrau oder ein gedeckter Ton), 30 Prozent die Hauptfarbe, 10 Prozent die Akzentfarbe. Die Akzentfarbe ist die lauteste und bekommt die wenigste Fläche. Genau deshalb fällt sie auf. Das ist die Mengenregel, die Innenarchitekten und Gestalter gleichermaßen nutzen.
Der Fehler, den man ständig sieht
Die Akzentfarbe als Hintergrund: ein knallroter Flyer, komplett. Oder alle drei Farben zu je einem Drittel, sodass keine führt. Oder die Hausfarbe überall, auf jeder Fläche, jedem Rahmen, jeder Linie, bis sie nicht mehr auffällt, weil sie überall ist.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Hintergrund ruhig lassen: Weiß, Hellgrau oder Dunkel. Die Markenfarbe kommt in Überschriften und Flächen, der Akzent nur auf Knöpfe, Preise, den einen Hinweis.
- Faustregel zum Zählen: Die lauteste Farbe darf auf einer Seite höchstens zwei-, dreimal vorkommen.
- Wenn ein Entwurf „zu bunt“ wirkt: nicht Farben wechseln, sondern eine davon auf Grau oder Weiß setzen. Meist ist es die Mengenverteilung, nicht die Farbwahl.
So machst du es richtig · Profi
- Farbrollen im Farbfeld benennen: Grund, Fläche, Akzent, Text. Dann hat jede Farbe einen Zweck, und die Mengen ergeben sich.
- Große Flächen in gebrochenen Tönen (mit Grau oder Komplementär abgemischt), kleine Flächen satt. Satte Farbe auf großer Fläche ermüdet und frisst im Druck Farbe.
- Bei Serien (Broschüren, Kampagnen) die Mengen von Seite zu Seite gleich halten, auch wenn der Akzent wechselt.
Gesetz 4
Lesbarkeit: Kontrast ist messbar, und Farbe allein reicht nie
Die Regel
Für Text gibt es messbare Mindestwerte: Das Kontrastverhältnis zwischen Schrift und Grund sollte mindestens 4,5 zu 1 betragen, bei großer Schrift ab etwa 18 Punkt 3 zu 1. Schwarz auf Weiß hat 21 zu 1, mittleres Grau auf Weiß nur etwa 4 zu 1. Dazu: Etwa jeder zwölfte Mann sieht Rot und Grün nicht sicher auseinander. Eine Information, die nur durch Farbe unterschieden wird (rot = falsch, grün = richtig), kommt bei ihm nicht an.
Der Fehler, den man ständig sieht
Hellgraue Schrift auf Weiß, weil es „elegant“ aussieht, aber ab 50 Jahren unlesbar ist. Rote und grüne Markierungen in Tabellen ohne Symbol oder Text dazu. Dünne weiße Schrift auf hellem Foto. Links, die sich nur durch eine leicht andere Farbe vom Text unterscheiden. Seit 2025 ist das für viele Unternehmen nicht nur unschön, sondern nach dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ein Mangel.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Fließtext in Schwarz oder sehr dunklem Grau (nicht heller als etwa 30 Prozent Helligkeit) auf hellem Grund, oder Weiß auf sehr dunklem Grund.
- Farbe nie als einzigen Träger einer Information: zusätzlich ein Symbol (Häkchen, Kreuz), ein Wort oder eine Form.
- PowerPoint hat unter Überprüfen → Barrierefreiheit überprüfen eine Kontrastprüfung eingebaut. Word ebenso. Einmal durchlaufen lassen.
- Wenn du unsicher bist: Entwurf auf dem Handy im Sonnenlicht ansehen. Was dort lesbar ist, ist überall lesbar.
So machst du es richtig · Profi
- Kontrastwerte nach WCAG 2 für jede Text-Grund-Kombination der Palette dokumentieren (Werkzeuge dafür gibt es lokal in den Entwicklerwerkzeugen jedes Browsers, ohne Online-Dienst).
- Photoshop und Illustrator: Ansicht → Proof einrichten → Farbenblindheit (Protanopie, Deuteranopie) als Prüfschritt vor der Freigabe.
- Hausfarben, die den Kontrast nicht schaffen, bekommen eine „Textvariante“: dieselbe Farbe, abgedunkelt, nur für Schrift. Das gehört ins Farbkonzept, nicht in die Improvisation.
- Für Websites: Fokus- und Linkzustände müssen sich nicht nur durch Farbe unterscheiden (Unterstreichung, Rahmen, Symbol).
Gesetz 5
Druck und Bildschirm: Dieselbe Farbe gibt es nicht zweimal
Die Regel
Der Bildschirm mischt Licht aus Rot, Grün und Blau (RGB), der Druck mischt Farbe aus Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz (CMYK). Der Druck kann weniger Farben darstellen als der Bildschirm: Leuchtendes Orange, sattes Blau, Neongrün und Pink werden auf Papier stumpfer, egal wie gut die Druckerei ist. Dazu kommt das Papier: Auf Naturpapier wirkt jede Farbe dunkler und matter als auf glattem, gestrichenem Papier. Und der Monitor: Kein zwei Bildschirme zeigen dieselbe Datei gleich, solange sie nicht kalibriert sind.
Der Fehler, den man ständig sieht
Die Hausfarbe am Bildschirm gewählt, dann die Enttäuschung beim ersten Flyer: „Das ist nicht unser Blau.“ Oder ein Logo in RGB-Neonfarben, das im Druck niemals so aussehen kann. Oder der Satz „am Laptop sah es aber anders aus“, der in jeder Druckerei täglich fällt.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Für Drucksachen keine Neon- und Leuchtfarben wählen. Wenn die Farbe am Bildschirm „strahlt“, wird sie im Druck enttäuschen.
- Vor der Auflage einen Probedruck verlangen oder zumindest das Papier in der Hand gehabt haben.
- Hausfarben einmal von einem Gestalter oder der Druckerei als CMYK-Werte festlegen lassen und diese Werte überall verwenden, statt die Farbe jedes Mal neu „nach Augenmaß“ zu wählen.
- Mehr dazu im Ratgeber Druckdaten, Abschnitte RGB statt CMYK und Farbprofil.
So machst du es richtig · Profi
- Hausfarben in drei Fassungen definieren: CMYK (für den Standard-Offsetdruck nach FOGRA51/52), RGB/HEX (für Bildschirm, aus dem CMYK abgeleitet, nicht umgekehrt) und wenn vorhanden Pantone oder HKS als Sonderfarbe für Folie, Lack und Textil.
- Farbumfangwarnung (Gamut-Warnung) in Photoshop und Illustrator einschalten. Was markiert wird, lässt sich nicht drucken.
- Monitor kalibrieren und mit Softproof arbeiten, aber dem Proof der Druckerei das letzte Wort lassen. Der eigene A3-Drucker ersetzt ihn nicht.
- Große Farbflächen: Gesamtfarbauftrag im Blick behalten (meist unter 300 Prozent), Tiefschwarz nach Vorgabe der Druckerei, Textschwarz nur aus K.
Gesetz 6
Farbwerte festhalten: Schwarz ist nicht gleich Schwarz
Die Regel
Jede Farbe, die zur Marke gehört, bekommt einen festen Wert und einen Namen, und der steht an einer Stelle, die jeder findet: im Logo-Paket. Mit HEX für das Web, RGB für Bildschirm und Office, CMYK für den Druck, bei Bedarf Pantone, HKS oder RAL. Auch für Schwarz und Grau: Ein „Schwarz“ kann im Druck ein reines K-Schwarz sein (für Text) oder ein Tiefschwarz aus vier Farben (für Flächen), und beide sehen anders aus.
Der Fehler, den man ständig sieht
Die Hausfarbe existiert in fünf Varianten, weil jeder sie neu von der Website abgenommen hat. Die Visitenkarte hat ein anderes Blau als der Transporter, der Flyer ein drittes. Schwarzer Text, der im Druck grau-bräunlich wirkt, weil er aus vier Farben gemischt wurde und nicht genau übereinander liegt.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Frag nach den Farbwerten deines Logos und trag sie dort ein, wo du gestaltest: Canva „Markenfarben“, PowerPoint „Designfarben anpassen“, Word „Weitere Farben → Benutzerdefiniert“ mit HEX oder RGB.
- Keine Farben „per Pipette“ aus JPGs abnehmen. Das Bild ist komprimiert, die Farbe stimmt nie ganz.
- Text in Schwarz lassen, nicht in „fast schwarz“ aus der Palette. Für den Druck ist reines Schwarz das sicherste.
- Was in ein Logo-Paket gehört, steht im Ratgeber Logo-Dateien.
So machst du es richtig · Profi
- Farbkonzept als Dokument: Name, Rolle, HEX, RGB, CMYK, Sonderfarbe, Abstufungen, erlaubte Text-Grund-Paare mit Kontrastwert. Eine Seite, PDF, liegt beim Logo-Paket.
- Farbfelder-Bibliothek (ASE) für Adobe-Programme exportieren und mitgeben.
- Schwarz definieren: Text 0/0/0/100, Tiefschwarz nach Druckerei (zum Beispiel 60/40/40/100), Web #000 oder leicht aufgehelltes Schwarz für lange Texte auf Bildschirmen.
- Bei jedem Neuanlegen einer Datei zuerst die Bibliothek laden, nie Farben „aus der Erinnerung“ anlegen.
Checkliste: Farben in zwei Minuten prüfen
- Höchstens drei Buntfarben plus Weiß, Grau, Schwarz, und sie folgen einer Regel (Nachbar, Gegenüber, Dreiklang)?
- Graustufen-Probe bestanden: Alles noch lesbar und unterscheidbar?
- Mengen etwa 60-30-10, die lauteste Farbe auf der kleinsten Fläche?
- Textkontrast mindestens 4,5 zu 1, keine graue Schrift auf Weiß?
- Keine Information, die nur durch Farbe erkennbar ist?
- Für den Druck: keine Neonfarben, CMYK-Werte festgelegt, Probedruck eingeplant?
- Farbwerte dokumentiert und überall dieselben?
Stand: Oktober 2026 Die Kontraste nach Johannes Itten („Kunst der Farbe“), Kontrastwerte nach WCAG 2; Menüs der Programme können sich mit Updates ändern. Text mit KI-Unterstützung entworfen, von Andrej Herber geprüft.