Ratgeber · Proportion
Die Gesetze der Proportion.
Warum manches einfach stimmt.
Manche Entwürfe wirken „richtig“, ohne dass man sagen kann, warum. Oft liegt es an Verhältnissen: wie breit zu wie hoch, wie groß der Rand, wo das Motiv sitzt, wie die Schriftgrößen abgestuft sind. Dafür gibt es Regeln, die älter sind als der Buchdruck und die in jedem DIN-A4-Blatt stecken. Hier sind die sechs, die du im Alltag brauchst.
Ich arbeite mit
Du siehst die Griffe für Canva, Word und PowerPoint.
Gesetz 1
Der Goldene Schnitt: Das Verhältnis, das keiner bemerkt und jeder spürt
Die Regel
Teilt man eine Strecke so, dass sich der kleinere Teil zum größeren verhält wie der größere zum Ganzen, entsteht das Verhältnis von etwa 1 zu 1,618. Für die Praxis reicht die Näherung 3 zu 5 oder 5 zu 8: Eine Fläche in 5 Teile breit und 8 Teile hoch wirkt angenehm, eine Teilung bei etwa 62 Prozent wirkt natürlicher als bei 50. Ob das Verhältnis wirklich „schöner“ ist, streiten Forscher. Dass es als Entscheidungshilfe funktioniert, steht außer Frage.
Der Fehler, den man ständig sieht
Alles mittig geteilt: Bild oben, Text unten, genau halbe-halbe. Die Überschrift exakt in der Mitte der Seite. Das wirkt statisch und unentschieden, weil das Auge keine Richtung bekommt. Oder das Gegenteil: Der Goldene Schnitt als Zauberformel, mit der Spirale über jedes Logo gelegt, bis nichts mehr stimmt.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Bei zwei Flächen (Bild und Text, Überschrift und Inhalt) nicht halbieren, sondern etwa 60 zu 40 teilen. Das reicht völlig.
- Das Wichtigste nicht in die Mitte setzen, sondern auf etwa 38 Prozent der Höhe (leicht über der Mitte). Dort liegt der „optische Mittelpunkt“, den das Auge als Mitte empfindet.
- Formate für Karten und Flyer: 5 zu 8 (zum Beispiel 100 × 160 mm) wirkt eleganter als 1 zu 2 oder quadratisch, wenn das Format frei wählbar ist.
So machst du es richtig · Profi
- Goldenen Schnitt als Hilfslinien anlegen: Seitenbreite × 0,618 und × 0,382, dasselbe für die Höhe. Die vier Schnittpunkte sind starke Plätze für Logo, Überschrift, Blickfang.
- Für Schriftgrößen und Abstände als Faktor 1,618 nutzen (siehe Gesetz 6), oder bescheidener 1,5. Beides ergibt saubere Stufen.
- Nicht dogmatisch: Der Goldene Schnitt ist ein Startpunkt. Wenn das Auge etwas anderes sagt, hat das Auge recht.
Gesetz 2
Die Drittel-Regel: Nichts Wichtiges in die Mitte
Die Regel
Teile die Fläche mit zwei waagerechten und zwei senkrechten Linien in neun gleiche Felder. Wichtige Elemente liegen auf den Linien, die wichtigsten auf den vier Schnittpunkten. Der Horizont eines Fotos liegt auf dem oberen oder unteren Drittel, nicht in der Mitte. Das ist die vereinfachte Schwester des Goldenen Schnitts, und für Fotos und Plakate meist die bessere.
Der Fehler, den man ständig sieht
Das Gesicht genau in der Bildmitte, mit viel Himmel darüber und abgeschnittenen Beinen darunter. Der Horizont, der das Foto halbiert. Das Logo auf dem Plakat exakt zentriert, der Text darunter exakt zentriert, alles auf einer Achse wie aufgespießt.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Handykamera: Raster einschalten (iPhone: Einstellungen → Kamera → Raster; Android: in den Kameraeinstellungen „Gitterlinien“). Dann Motiv auf eine Linie legen.
- Canva: Beim Zuschneiden eines Bildes wird das Drittel-Raster angezeigt. Motiv auf einen Schnittpunkt ziehen.
- Blickrichtung beachten: Wenn jemand nach rechts schaut, steht er links im Bild, damit der Blick Platz hat.
- Bei Flyern und Plakaten: Blickfang (Bild oder Überschrift) auf das obere Drittel, Kontakt und Handlungsaufforderung auf das untere.
So machst du es richtig · Profi
- Drittel-Raster als Hilfslinien-Vorlage speichern (InDesign: Layout → Hilfslinien erstellen, 3 × 3 ohne Steg; Affinity: Rasterlinien einrichten).
- Bei Bildbeschnitt den Schnittpunkt wählen, der zur Leserichtung passt: Motiv auf dem linken oberen Punkt, wenn der Text rechts daneben folgt.
- Drittel und Goldener Schnitt nicht mischen. Ein System pro Dokument.
Gesetz 3
DIN-Formate: Warum A4 halbiert A5 ergibt
Die Regel
Alle DIN-A-Formate haben dasselbe Seitenverhältnis 1 zu 1,414 (Wurzel aus 2). Deshalb ergibt ein halbiertes A4 genau zwei A5, und ein vergrößertes A4 wird ohne Beschnitt zu A3. A0 ist ein Quadratmeter groß, A4 ein Sechzehntel davon. Dazu passen die Umschläge: C-Formate sind etwas größer als A (C4 für A4 flach, C5 für A4 gefaltet, C6 für A6), und der lange Umschlag DL nimmt ein zweimal gefaltetes A4 auf. DIN lang als Flyer ist A4 dreigeteilt: 99 × 210 mm.
Der Fehler, den man ständig sieht
Ein Flyer in „ungefähr A6“, der dann in keinen Umschlag und keinen Ständer passt. Eine US-Vorlage (Letter, 216 × 279 mm) auf A4 gedruckt, mit abgeschnittenem Rand. Ein Plakat in A3 angelegt, das als A2 gedruckt werden soll, in 150 dpi. Oder ein Sonderformat ohne Grund, das in der Druckerei als Sonderanfertigung mehr kostet.
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- Die gängigen Maße: A3 297 × 420, A4 210 × 297, A5 148 × 210, A6 105 × 148, DIN lang 99 × 210, Visitenkarte 85 × 55 mm.
- Word: Layout → Format. Canva: „Benutzerdefinierte Größe“ in Millimetern eingeben, nicht in Pixeln. PowerPoint: Entwurf → Foliengröße → Benutzerdefiniert, für Druck in Zentimetern.
- Vor dem Anlegen fragen: Wie wird es verschickt, wo wird es ausgelegt? Format danach wählen.
- Immer mit 3 mm Anschnitt anlegen, siehe Ratgeber Druckdaten.
So machst du es richtig · Profi
- Dokumentvorlagen für die Standardformate mit Anschnitt, Satzspiegel und Raster anlegen, einmal, dann wiederverwenden.
- Bei Faltflyern die Falzmaße beachten: Beim Wickelfalz ist die eingeschlagene Seite 1 bis 2 mm schmaler, sonst stößt sie an. Die Druckerei hat dafür Standbögen.
- B-Formate (B4, B5) für Bücher und Blöcke, SRA3 (320 × 450) als Druckbogen mit Platz für Anschnitt und Marken. Wer SRA kennt, redet mit der Druckerei auf Augenhöhe.
- Bei Großformaten (Plakat, Banner) Auflösung und Betrachtungsabstand gegeneinander abwägen: A1 aus drei Metern braucht keine 300 dpi.
Gesetz 4
Ränder und Satzspiegel: Außen mehr als innen, unten mehr als oben
Die Regel
Der Satzspiegel ist die Fläche, auf der der Inhalt steht. Die Ränder drumherum sind keine Verschwendung, sondern der Rahmen, der den Inhalt hält. Klassische Regel aus dem Buchdruck: Der innere Rand ist der kleinste, der obere etwas größer, der äußere größer als der obere, der untere der größte, etwa im Verhältnis 2 zu 3 zu 4 zu 6. Der Grund: Zwei gegenüberliegende Seiten teilen sich den inneren Rand, und unten braucht die Seite „Standfläche“, sonst rutscht der Inhalt optisch nach unten.
Der Fehler, den man ständig sieht
Vier gleiche Ränder von 2 cm, der Inhalt wirkt, als rutsche er nach unten. Oder Ränder von 1 cm, weil „so viel drauf muss“, und die Seite wirkt erschlagend voll. Bei Broschüren: kein Zuschlag für den Bund, sodass der Text in der Falz verschwindet.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Einfache Regel für Einzelblätter: oben 20 mm, links und rechts 20 mm, unten 25 mm. Für Flyer A6: rundum mindestens 8 mm, unten 10.
- Word: Layout → Seitenränder → Benutzerdefiniert. Bei beidseitigem Druck „Gegenüberliegende Seiten“ wählen, dann heißen die Ränder innen und außen.
- Nichts näher als 5 mm an die Schnittkante, auch keine Linien oder Rahmen.
- Wenn der Inhalt nicht passt: Text kürzen oder Schrift kleiner, nie die Ränder opfern.
So machst du es richtig · Profi
- Satzspiegel konstruieren: klassisch nach Tschichold (Diagonalen) oder pragmatisch 2:3:4:6 beziehungsweise 1:1,5:2:3 für innen, oben, außen, unten.
- Bund bei Klebebindung: 3 bis 5 mm zusätzlich innen, je nach Seitenzahl. Bei Rückstichheftung die Verdrängung der inneren Bögen einplanen (Druckerei fragt).
- Satzspiegel so wählen, dass die Zeilenlänge im Bereich 45 bis 75 Zeichen liegt (siehe Ratgeber Typografie). Schriftgröße und Spaltenbreite sind ein Paar.
- Kolumnentitel, Seitenzahlen und Marginalien liegen außerhalb des Satzspiegels, auf festen Positionen im Rand.
Gesetz 5
Das Raster: Unsichtbare Spalten halten die Seite zusammen
Die Regel
Ein Raster teilt den Satzspiegel in gleich breite Spalten mit festem Abstand (Spaltenabstand, meist eine Zeilenhöhe) und oft in Zeilen (Grundlinienraster). Jedes Element, Text, Bild, Kasten, belegt eine ganze Zahl von Spalten. Mit zwölf Spalten lassen sich 2, 3, 4 und 6 gleich breite Elemente anordnen, mit sechs Spalten 2 und 3. Das Raster ist der Grund, warum Zeitschriften und gute Websites aufgeräumt wirken, auch wenn jede Seite anders ist.
Der Fehler, den man ständig sieht
Bilder in beliebiger Breite, Textkästen „nach Augenmaß“, drei Spalten, die alle ein bisschen anders breit sind. Oder das Raster ist da, aber jedes Element bricht es „ausnahmsweise“, bis nichts mehr übrig ist. Auf der Website: Bilder, die mal 300, mal 340, mal 280 Pixel breit sind.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- PowerPoint: Ansicht → Führungslinien und Raster einschalten, „Objekte am Raster ausrichten“. Dann rasten Elemente von selbst ein.
- Canva: Die violetten Hilfslinien beim Verschieben beachten; über Datei → Einstellungen → Lineale und Hilfslinien eigene Linien setzen und speichern.
- Word: Eine Tabelle ohne Rahmen als Raster nutzen. Zwei oder drei Spalten, Bilder und Text in die Zellen, Rahmen auf „keine“.
- Faustregel: Alle Bilder auf einer Seite gleich breit oder genau doppelt so breit. Keine Zwischengrößen.
So machst du es richtig · Profi
- Spaltenraster und Grundlinienraster aufeinander abstimmen: Spaltenabstand = eine Grundlinie, Modulhöhe = Vielfaches der Grundlinie. Dann sitzen Bilder und Text auf denselben Linien.
- Zwölf Spalten für vielseitige Layouts, sechs für Broschüren, drei bis vier für Flyer. Weniger Spalten, weniger Entscheidungen.
- Rasterbrüche bewusst und selten: ein randabfallendes Bild pro Doppelseite, nicht drei. Ein Bruch wirkt nur, wenn der Rest sitzt.
- Für das Web dasselbe Raster responsiv denken: 12 Spalten am Desktop, 6 am Tablet, 2 bis 4 am Handy, mit festem Rinnenmaß.
Gesetz 6
Größenstufen: Alles im festen Verhältnis zueinander
Die Regel
Schriftgrößen, Abstände und Elementgrößen folgen einer Stufenleiter: Jede Stufe ist um denselben Faktor größer als die vorige, zum Beispiel 1,25 (sanft), 1,333, 1,5 oder 1,618 (kräftig). Aus 10 Punkt Text werden mit Faktor 1,5: 15 für Zwischenüberschriften, 22,5 für Überschriften, 34 für den Titel. Abstände ebenso: 8, 12, 18, 27. Alles wirkt zusammengehörig, weil es rechnerisch zusammengehört. Und beim Skalieren gilt: Bilder nur proportional, nie in eine Richtung gezogen.
Der Fehler, den man ständig sieht
Schriftgrößen 11, 12, 13, 14, 16, 18, 20, 24, alle auf einer Seite, nach Gefühl vergeben. Das Logo „ein bisschen größer“, bis es mit der Überschrift konkurriert. Fotos, die in Word an der Seitenkante breiter gezogen wurden, mit plattgedrückten Gesichtern. Abstände, die überall anders sind.
So machst du es richtig · Canva, Word, PowerPoint
- Drei Schriftgrößen festlegen und dabei bleiben: Text, Zwischenüberschrift (etwa das 1,5-Fache), Überschrift (etwa das Doppelte bis Dreifache). Nichts dazwischen.
- Bilder nur an den Eckpunkten ziehen, nie an den Seitenmitten (Word, PowerPoint). In Canva bleibt das Verhältnis beim Ziehen an der Ecke erhalten.
- Logo: so klein wie möglich, so groß wie nötig. Auf A4 reicht meist eine Breite von 3 bis 5 cm. Das Logo ist Absender, nicht Botschaft.
- Abstände in zwei Größen: klein (innerhalb einer Gruppe) und groß (zwischen Gruppen), groß etwa das Doppelte bis Dreifache von klein.
So machst du es richtig · Profi
- Modulare Skala wählen und als Absatzformate anlegen: Text, Klein, Groß, Titel, mit Zeilenabständen, die auf dem Grundlinienraster liegen (gerundet auf Vielfache).
- Abstandssystem aus derselben Skala: 4, 8, 12, 16, 24, 32, 48 (Web) oder Vielfache der Grundlinie (Druck). Keine „freien“ Werte.
- Logogröße im Gestaltungsraster definieren: zum Beispiel immer zwei Spalten breit, oder ein festes Verhältnis zur Seitenbreite (etwa 15 bis 20 Prozent), mit Schutzraum rundum in Höhe eines Logoelements.
- Bildformate im Dokument auf zwei, drei feste Verhältnisse begrenzen (3:2, 1:1, 16:9) und alle Bilder darauf beschneiden.
Checkliste: Verhältnisse in zwei Minuten prüfen
- Nichts Wichtiges genau in der Mitte: Teilungen etwa 60 zu 40, Blickfang auf einem Drittel?
- Standardformat (DIN A, DIN lang, Visitenkarte 85 × 55) oder guter Grund für ein Sonderformat?
- Ränder großzügig, unten etwas mehr als oben, nichts näher als 5 mm an der Kante?
- Alle Elemente auf einem Raster, Bilder in höchstens zwei Breiten?
- Drei Schriftgrößen mit klarem Faktor, Abstände in zwei Größen?
- Kein Bild verzerrt, Logo nicht größer als nötig?
- 3 mm Anschnitt angelegt, Falzmaße bei Faltflyern beachtet?
Stand: Oktober 2026 Formate nach DIN 476 / ISO 216; Satzspiegel-Konstruktionen nach Tschichold und Renner; Menüs der Programme können sich mit Updates ändern. Text mit KI-Unterstützung entworfen, von Andrej Herber geprüft.